© Thomas Fehr, 17.11.1998

veröffentlicht in 'Musikmachen - spannend, aber nicht verspannt'1

 

Musizieren ist eine Tätigkeit, die alle Seiten in uns anspricht und sie auf ein Ziel hin koordiniert zusammenwirken lässt. Leider spielen nicht immer alle Seiten in uns gleich mit: wir können es hören, sehen und fühlen - sensorisch und emotional. Mit einigen Störungen können wir leben, andere jedoch können uns ganz vom Musizieren abbringen. Für Berufsmusiker/-innen kann es den Berufswechsel bedeuten. Wer sich in dieser Situation als unmusikalisch oder unbegabt entschuldigt und seine Lebenssituation als naturgegeben annimmt und resigniert, macht es sich bei der Suche nach den Ursachen zu leicht. Denn es wurde und wird immer wieder nachgewiesen2, dass hinter den Schwierigkeiten in den meisten Fällen unzweckmässige Verhaltenweisen stecken, die unter Umständen gezielt verändert werden könnten. Wenn auch nicht immer die ideale Lösung erreicht wird, so können doch die hemmenden Auswirkungen deutlich und für die Praxis genügend gemildert werden.

Vor ziemlich genau 100 Jahren - er ist damit einer der ältesten, dessen Arbeit ununterbrochen weitervermittelt wird - hat F.M. Alexander in Australien den Beweis dafür angetreten. Kurz nach Beginn seiner Karriere als Schauspieler und Rezitator begonnen, traten zunehmend ernste Schwierigkeiten auf: sein Einatmen war hörbar geworden, und seine Stimme wurde beim Rezitieren heiser und versagte auch öfters gänzlich -- Symptome, wie sie auch heute und bei uns selbst oft vorkommen. Sänger und Bläser, deren Einatmen von selbst geschieht, um auf nur auf dieses eine Merkmal hinzuweisen, sind selten!3

Melbourne und Sydney waren in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts blühende Städte, in denen die herrschenden Kulturströmungen des britischen Reiches aufmerksam verfolgt wurden, und als Alexander sich in den Bereichen Theater und Musik (Violine) ausbildete, lernte er das ganze Spektrum der künstlerischen und erzieherischen Arbeit der damaligen Zeit aus nächster Nähe kennen. Für seine auftauchenden Schwierigkeiten fand er bei all diesen Methoden und auch bei den Medizinern keine Hilfe, so dass er sich gezwungen sah, einen eigenen Weg zu gehen. Schon ganz am Anfang seiner Selbstversuche musste er erkennen, dass es ihm nicht gelang, das auffallendste Fehlverhalten direkt zu beheben, nämlich die Gegend um den Kehlkopf herum nicht zusammenzudrücken. Der Erfolg stellte sich erst ein, als er weitere Symptome wie z.B. seine Fusshaltung mit in einen Gesamtzusammenhang brachte4 und darüber hinaus in seine bis hierhin körperbetonte Arbeit sein gesamtes psycho-physisches Selbst, wie er es nannte, in seine Arbeit miteinbezog. So gelang es ihm, das Zusammendrücken und damit seine Atem- und Stimmprobleme indirekt zu beheben.

Alexanders Schwierigkeiten sind oft auch unsere eigenen. Ich glaube, es ist allen Musizierenden wohlbekannt, daß wir das, was wir tun möchten, nicht ohne weiteres (d.h. direkt) tun können. Wer kennt z.B. die Aufforderung nicht, »gerade zu sitzen« (was immer das heissen soll) und kann es beim bestem Willen nicht, ohne sich noch mehr zu verspannen? Wievielen Flötisten gelingt es, ihr Instrument leicht und bequem zu halten, ohne bald zu ermüden oder Schmerzen in Kauf zu nehmen? Und was, wenn es darum geht, auf der Bühne zu vollbringen, was man sich vorgenommen hatte? Diese Aufgabenstellungen rufen nach einem kunsthandwerklichen Ansatz, d.h. einemVorgehen, das im Moment der Tätigkeit angewandt werden kann, im Gegensatz zu einer Arbeitsweise, die im Wesentlichen auf die Vorbereitungs- und Erholungsphase beschränkt ist. Eine Vorgehensweise, die das zu leisten ver­mag, darf mit recht den etwas in Verruf gekommenen Begriff Technik im Sinne ihrer alten Bedeu­tung von Kunstfertigkeit tragen.

Parallel zu seiner Bühnentätigkeit begann Alexander um 1894 mit grossem Erfolg unter Anwendung seiner Erkenntnisse als Atem- und Sprechlehrer zu wirken; er wurde in Australien bald als der »Atem-Mensch« bekannt. Er propagierte die - wie er sie nannte - Voll-Atmung (full-chest-brea­thing) anstelle der bekannten und isolierenden Bauch-, Zwerchfell- und Flankenatmungstechniken. Allmählich suchten auch Menschen Hilfe bei ihm, die ihm von befreundeten Ärzten zur Behandlung (aus Alexanders Sicht immer zum Unterricht) überwiesen wurden, und so erweiterte sich sein Interesse auf die Bewältigung allgemeinerer Beschwerden.5 Im »Heben eines Arms, Sprechen, Gehen, sich Anschicken, ins Bett zu gehen, Nachdenken über ein Problem, Treffen einer Entscheidung, ei­nem Ersuchen oder einem Wunsch die Zustimmung geben oder sie zurückhalten, oder ein Bedürfnis oder einen plötzlichen Impuls befriedigen«6 sah Alexander die Gemeinsamkeit: Es handelt sich bei all jenen um Aktivitäten, die man wohl jeweils eher physischer bzw. psychischer Art nennen kann, aber in keinem Falle einer der beiden Seiten eindeutig zuzuordnen sind. Jedes Training und jede andere Erziehung müsse demzufolge auf der unteilbaren Einheit des menschlichen Organismus beru­hen (Dies entspricht der heutigen Forderung nach Ganzheitlichkeit).7

Methodisch setzt Alexander an, indem er sagt, dass alle Aktivitäten als Reaktionen angesehen werden können, denen ein Reiz vorausgehe. Die Ausführung dieser Reaktionen beruhe auf erworbenen Gewohnheiten, und ihre Steuerung und Überwachung auf der Bewertung der eingehenden Sinnesinformationen.8 Diese Bewertung sei unzuverlässig (u.a. da sie ebenfalls der Gewöhnung unterliege) und sei deswegen für den Wiedererziehungsprozess nicht bzw. nur mit äusserster Vorsicht zu verwenden.9 In das Gesche­hen eingreifen könnten wir am zweckmässigsten zum Zeitpunkt zwischen Reiz und Reaktion: es gelte allgemein, eine Bewusstheit zu erreichen, aufgrund derer es möglich werde, sich der Reize bewusst zu werden und die Reaktion darauf wahlweise zu unterbinden oder zuzulassen.10

Als wesentliches Mittel dafür verwandte Alexander die Überwachung und Steuerung eines psycho-physischen Mechanismus, den er »primäre Kontrolle« nannte und der seinerseits alle anderen Mechanismen steuere und integriere.11 Aufgrund seiner praktischen Erfahrungen und bestärkt durch den damals verfügbaren Wissensstand, vor allem der Neurophysiologie, ging er von der Kopf-Hals-Gegend aus und sagte, dass »diese primäre Kontrolle von einem bestimmten Gebrauch des Kopfs und des Halses im Verhältnis zum Gebrauch des restli­chen Körpers abhänge«.12 Durch wiederholtes Vermitteln der neuen und zunächst unbekannten Erfahrungen werde die Bewertung der sensorischen Informationen allmählich verbessert,13 womit der Schüler »sein eigener Experte«14 werde. In der Folge verbessere sich mit verändertem Gebrauch das entsprechende Funktionieren des Organismus und die Reaktionsart auf Reize im allgemeinen.15

Soweit eine konzentrierte Beschreibung der Alexander-Technik weitgehend mit den Worten ihres Begründers, sozusagen ihre patentamtliche Beschreibung.16 Aber es geht auch anders. In sei­nem ersten Trainingskurs17 sagte Alexander einmal viel eleganter, die wohl treffendste Definition seiner Arbeit sei: »Der Natur eine Chance geben«. Wie ist das zu verstehen?

Wirklich genau wissen wir nicht, wie der Mensch als Ganzes funktioniert, und wir werden es kaum jemals wissen. Aber wir können gewisse Aussagen darüber machen, wie er nicht funktioniert. Auf diesem Gebiet existieren viele unrichtige oder unvollständige Konzepte. Werden sie umgesetzt, können sie - neben kurzfristigem, d.h. scheinbarem Erfolg - unerwünschte Nebenwirkungen hervorrufen. Ich denke da z.B. an die verbreitete Ansicht, dass Verspannungen mittels Entspannung abgebaut wer­den sollten, was aber meistens nur zu einer Verlagerung der Symptome führt, falls es dabei bleibt, oder dass wir Atmen lernen müssten, wenn sich unzweckmässige Atemweisen zeigen. Statt deren Ursachen zu beseitigen, werden sie so oft mit unerwünschter und langfristig schädlicher Künstlichkeit überdeckt. Im folgenden möchte ich in aller Kürze ein Modell vorstellen, das, so glaube ich, einige Phänomene deutlicher erklären und etwas präziser an das Unerklärliche heranführen kann.18

So selbstverständlich wir Lebewesen über die Funktionen von Haltung und Bewegung verfügen, so schwierig scheint ihre willentliche Steuerung zu sein. Dass die Katze immer auf die Füsse fällt, ist sprichwörtlich. Die dafür verantwortlichen Vorgänge laufen reflexgesteuert ab, ausgelöst durch die Körperlage im freien Fall, wobei die Vorgänge im Kopf-Hals-Rumpf-Bereich eine Schlüsselrolle einnehmen.19 Im Menschen (als Säuger ja ein Verwandter der Katze) sind ebenfalls ähnliche Mechanismen vorhanden, sozusagen im Betriebssystem eingebaut. Sie werden unter dem Begriff Stützmotorik zusammengefasst.

Alles Leben ist auch Körper - Masse im physikalischen Sinn - und gehorcht damit den Gesetzmäßigkeiten der Schwerkraft, einem Spezialfall der Massenanziehung, einer Kraft ausser­halb des Organismus. Unter dem Einfluss der Schwerkraft bildeten sich im Verlauf der Evolution unser Körper und seine Fähigkeit, mit der Schwerkraft zweckmässig umgehen zu kön­nen. Wir verfügen über die materiellen Strukturen und die instinktiven Verhaltenssteuerungen zur Bildung und Erhaltung von Form und Struktur des Körpers und zu seiner Fortbewegung. Die Schwerkraft zieht uns nach unten, zum Erdmittelpunkt hin; einerseits drohen wir damit als Ganzes nach unten zu fallen und andererseits in uns selber zusammenzusacken. Für Haltung und Bewegung gilt es, der Schwerkraft zugleich zu widerstehen und sie als Ausgangsbedingung zu benützen.

Andere Kräfte entstehen innerhalb des Organismus, z.B. wenn wir uns bewegen. Diese bergen die Gefahr, uns zusammenzuziehen. Ein einfaches Beispiel: Wenn wir auf einem Stuhl sitzen und den Fuß etwas versetzen möchten, müssen wir unter anderem das Knie etwas anheben. Nehmen wir vereinfachend an, daß sich dafür nur ein einziger Muskel zu verkürzen braucht, dann muss er er mit dem einen Ende am Oberschenkel befestigt sein, wegen der Hebelgesetze um das Hüftgelenk herum umgelenkt werden und mit dem anderen Ende am Rumpf ansetzen. Aber dieser Muskel »weiß« natürlich nicht, welcher der beiden Ansatzpunkte sich zum andern hin bewegen soll; er zieht lediglich die beiden Körperteile näher zueinander. Damit sich das Knie hebt (statt der Rumpf sich beugt) , muss der Rumpf an seinem Ort bleiben und in sich stabil werden, denn er ist ja grundsätzlich sehr beweglich. Erst so wird er zum Fixpunkt, an dem die Bewegungskraft ansetzen kann.

Dazu bieten sich zwei Möglichkeiten an: entweder wird der Rumpf in sich so stark zusammengezogen, bis er nicht mehr enger werden kann und somit fest wird, oder er dehnt sich in alle Richtungen aus und nimmt seinen größtmöglichen Raum ein, so daß er einem Regenschirm ähnlich aufgespannt und stabil wird.

Im ersten Falle bekommt die gewonnene Stabilität eine statische Qualität: sie ist fixiert und unflexibel, lediglich der jeweils einen geplanten Bewegung angepaßt. Im zweiten Falle jedoch tritt eine dynamische Qualität zutage: diese ist nicht fixiert und nicht spezialisiert, zusammen mit der Möglichkeit, daß aus dieser aufgespannt-stabilen Haltung heraus jederzeit eine neue Bewegung eingeleitet werden kann, ohne erst die alte Fixierung lösen zu müssen.

Oft werden Erklärungen zum Aufbau und Funktionieren des menschlichen Organismus in der Art des »Baustein«-Modells herangezogen, d.h. Masse stützt sich auf Masse, und die Bewegungsmechanismen arbeitn nach dem Prinzip der Hebelkräfte. Indes stimmen diese Erklärungsmodelle nur unzureichend mit der Erfahrung überein. Das komplexe mechanische Zusammenspiel von Gewebe, Knochen, Sehnen und Muskeln kann mit dem Modell der Tensegrität20 weit besser erklärt werden. Mit diesem Begriff beschrieb der Architekt Buckminster Fuller das Strukturprinzip, bei dem steife Verstrebun­gen durch Spannelemente ausgewogen in Gleichgewicht gehalten werden, die auf Zug - statt wie bei den Bauklötzen auf Druck - beansprucht werden. Ein anschauliches Beispiel ist das Zelt (Organismus), dessen Dach (Gewebe) von Zeltstangen (Knochen) im richtigen Abstand gehalten wird und mit Schnüren und Spannvorrichtungen (Sehnen und Muskeln) in einem ausgeglichenen Spannungszustand (Tonus) dynamisch gehalten wird.

Anhand dieses Modells kann anschaulich erklärt werden, warum etwa Finger, Beine oder die Wirbelsäule durch Kraftaufwand - willentlich ausgelöst oder nicht - verlängert werden können. Gelenkig miteinander verbundene Knochen können sich voneinander entfernen und der Körper sich ausdehnen oder eben aufspannen, wie ich es gerne nenne, obwohl sich Muskeln aktiv nur verkürzen können und nach herkömmlicher Anschauung Gelenke zusammendrücken müssten. Damit erweist sich die sogenann­te »Verspannung«21 als Phänomen, das seinen Anfang in einem Zusammenfallen der entsprechen­den Körperpartien nimmt, dem notwendigerweise eine übermässige Anspannung der Muskeln fol­gen muss, die ja nicht mehr genügend vorgespannt sind. So gesehen wird klar, warum die Idee der Entspannung und die weitverbreiteten entsprechenden Techniken in die Irre leiten.22

Es liegt nun nahe, dass die notwendige Stabilisierung des zusammenfallenden Organismus durch Fixierung und Zusammendrücken früher oder später gesundheitliche Schäden zur Folge haben kann: direkt am Bewegungsapparat durch Überbelastung (Arthritis, Arthrose, Diskushernie und allgemeine vorübergehende bis chronische Rückenschwierigkeiten), und indirekt an den inneren Organen, die wegen des fehlenden Raumes einerseits übermässigem Druck ausgesetzt werden und andererseits ungenügend im Rumpf »aufgehängt« sind und so ihre Funktionen nur mangelhaft aus­üben können.

Im Gegensatz zu gewöhnlichen Alltagstätigkeiten ist Musizieren so komplex, dass an sich kleine Störungen in der Gesamtkoordination sehr schnell grosse Auswirkungen auf das Resultat haben. Dazu kommt, dass beim Üben auch diese unzweckmässigen Verhaltensweisen mit-geübt und kultiviert werden. Mit der Zeit muss sogar ein beträchtlicher Anteil der Üb-Arbeit auf das Aufrechterhalten dieser fehlerhaften Koordination aufgewendet werden, da ohne sie gar nichts mehr funktioniert! Beim Pianisten etwa kön­nen Sehnenscheidenentzündungen entstehen, wenn sich die Hände nach vorne zum Instrument hin bewegen möchten, aber zugleich vom zusammengezogenen Rücken her zurückgehalten werden. Die Ursache dafür kann wiederum oft in unzweckmässigem Sitzen gefunden werden (und im damit untrennbar verknüpften Stehen), denn schlaffe und folglich zusammengezogene Beine ziehen den Rumpf hinunter. Ist bei der Sängerin der Rumpf nicht »aufgespannt«, kann ihr Atmen nicht von selbst geschehen; die zum Singen notwendigen (grossen!) Kräfte können den Rumpf leicht noch mehr zusammenziehen und versteifen, sodass in der Folge der Atem mit Willen und Anstrengung geholt werden muss, was sich in eben dem Einatmungsgeräusch äussert, das Alexander so gestört hatte.23 Dabei ist der Atemmechanismus - etwas prononciert gesagt - ein Ausatmungsmechanismus, der am Ende des Ausatmens die Luft über einen Rückfederungsmechanismus in einem Sekundenbruchteil und ohne Geräusch zurück in den Rumpf holt.

Durch den fehlerhaften Einsatz vor allem der Haltungsmechanismen in diesem Falle ist die Energieverschwendung und der daraus folgende Verschleiß im Organismus beträchtlich, und es ist klar, daß dadurch die potentielle Leistungsfähigkeit des Individuums unerreichbar bleibt. Neben den reinen Haltungs- und Bewegungsfunktionen werden auch das Gefühlsleben und die Denkfähigkeit in Mitleidenschaft gezogen, denn diese verschiedenen Bereiche sind auf vielfältige Art miteinander verknüpft und voneinander abhängig. Alle diese Beeinträchtigungen und Schäden können auftauchen und vorübergehen, aber sie können auch in langanhaltende, »chronisch« werdende Krankheiten mün­den. In welchen Lebensbereichen und -abschnitten auch immer Gründe gefunden und Ursachen bezeichnet werden können: weil der Mensch ein unteilbares Ganzes ist, kann in allen Fällen immer auch ein »fehlerhafter Umgang mit der Schwerkraft« gefunden werden.

Die Lösung wäre eigentlich einfach, denn unser Organismus hat die zweckmässigen Mechanis­men von Anfang an mit auf den Weg bekommen und nie verloren. Im sogenannten »Reptilienge­hirn« stehen sie uns als eine Reihe von Reflexen zur Verfügung, den anderen lebenswichtigen Funktionen wie Atmung, Schlaf, Hunger, Wärme etc. gleichwertig. Sie müssen weder erlernt, noch können sie verlernt werden. Sie sind einfach immer da. Im Zusammenhang mit der besonderen Lernfähigkeit des Menschen kann aber der Kortex, die entwicklungsgeschichtlich sehr junge Grosshirnrinde, das Funktionieren der untergeordneten Hirnzentren überdecken und modifizieren, meistens, aber leider nicht immer, zum Nutzen des Gesamtorganismus. Wenn wir Nachteiliges »tun« und die automati­schen Koordinationszentren in ihrer Funktion beeinträchtigen, merken wir es kaum und höchstens indirekt - wir werden uns dessen nicht bewusst, weil die zugehörigen sensomotorischen Rückmeldungen direkt in diese subkortikalen Areale eingespeist werden. Mit der Zeit wissen wir, dass unsere Haltungs- und Bewegungsqualität nicht mehr »stimmt«; wir können es im Spiegel se­hen, oder es wird uns gesagt. Aber leider können wir das Fehlverhalten kinästhetisch direkt nicht spüren. Ebenfalls können wir das Funktionieren unseres Organismus nicht direkt ändern, denn die für Haltung und Bewegung zuständigen Zentren arbeiten als Reflexe und brauchen konkrete innerorganische Auslöser. Willentliche Anstrengung oder Entscheidung helfen da nicht weiter, denn sie sind keine adäquaten Reize; vielmehr muss es die Tätigkeit selbst sein, die durch die entstehen­den Kraftzüge das Aufspannen auslöst. Bewußt an uns arbeiten können wir hier nur, indem wir uns entscheiden, uns »aus dem Weg« zu gehen.

Fehlerhafte Verhaltensweisen entstehen natürlich nicht über Nacht, sondern bahnen sich schon in der kindlichen Entwicklungsphase an. Das Kind beispielsweise reagiert auf seine Vorbilder und übernimmt durch Nachahmung24 Verhaltensmuster der nahestehenden Menschen. Hinzu kommen noch gutgemeinte Hilfestellungen und Erziehungsmethoden, die aber oft das Gegenteil ihrer Absicht bewirken, weil sie auf weitverbreiteten fehlerhaften Konzepten über das Funktioneren des Menschen beruhen, wie sie teilweise oben angesprochen wurden. Die gängigen Methoden wie z.B. Sport und Gymnastik mit ihren modernen Varianten wie etwa westlicher Gruppen-Yoga, Aerobic oder die »fünf Tibeter«, aber auch Physiotherapien, Entspannungtechniken etc. packen das Übel nicht genügend tief an der Wurzel an. Das Nichtbeachten vorhandener Erkenntnisse über die Natur des musizierenden Men­schen im Unterrichtswesen tut sein Übriges, sogar in verstärktem Masse, da Fehlgewohnheiten durch wiederholtes und lange andauerndes Üben gründlich im Organismus verankert werden.

Wie kann nun »der Natur (wieder) eine Chance« gegeben werden? Dieser Versuch wird im Unterricht der F.M.Alexander-Technik gemacht, indem - ausgehend von einfachen Bewegungsabläufen des Alltags - nach und nach das gesamte Verhalten des Menschen in die Arbeit miteinbezogen wird. Weil das Spüren - genauer: die Bewertung der sensorischen Informationen - unzuverlässig und für das Umlernen nur mit grosser Vorsicht zu verwenden ist, sorgt der Alexander-Lehrer25 mit Händen und Worten dafür, dass der Schüler die ihm unbekannten Erfahrun­gen macht, die er braucht, um aus seinem Teufelskreis ausbrechen und allmählich umfassende Änderungen einleiten zu können. In einem ersten - und zugleich dem wichtigsten - Schritt vermit­telt der Lehrer dem Schüler die Fähigkeit, auf einen gewählten Reiz hin innehalten26 zu können, da­mit er nicht mehr auf die alte bekannte Art reagieren muss und damit die Chance erhält, es auf eine neue Art auszuprobieren. Dann hilft er dem Schüler dabei, sich auf die gewählte Tätigkeit mit speziellen Anweisungen27 vorzubereiten. Wichtigstes Element ist dabei eine Qualität allgemeiner Bereitschaft und Wachheit, die physiologisch u.a. einem ausgeglichenen Tonus entspricht. - Wenn diese Grundla­gen geschaffen sind, leitet der Lehrer den Schüler zu Bewegungen an und führt ihn durch sie hin­durch oder bietet ihm auf andere Weise Erfahrungsgelegenheiten an, so dass ihm statt des gewohn­ten Zusammenziehens das erstrebte Aufspannen geschieht.29

Mit der Zeit, in der dieses Vorgehen viele Male wiederholt wird und Erfahrungen im Nicht-Eingreifen gesammelt werden, wird dieses anfangs so ungewohnte Vorgehen dem Schüler verständlich und eigen. Die Verhaltensqualität des Schülers insgesamt (und damit auch sein äusse­res Erscheinungsbild) verändert sich allmählich. Und es werden sozusagen nebenbei die störenden Verhaltensweisen bemerkbar, die mit dem Umgang mit der Schwerkraft und den daraus folgenden Gewohnheitsmustern direkt nichts zu tun haben. Das Musizieren fällt leichter, wird erfüllter, was von innen wie von aussen wahrnehmbar ist . Der Klang, der ja ein untrügliches Spiegelbild der eigenen Verfassung ist, wird voller und trägt. Der Zugang zum Gehalt der Musik und seiner Äusserung30 wird erleichtert. Das Geschehen-Lassen der Bewegungen fördert das Geschehen-Lassen der Musik; es ist, wie wenn die Musik dem Spieler sagt, was zu geschehen hat. Die Bereitschaft, jederzeit von einer Bewegung ohne Bruch in eine andere übergehen zu können, entspricht der Möglichkeit, musikalisch mit aller Freiheit auf den Moment einzugehen: Was beim Spielen von Jazz gefordert und gefördert wird, wird auch im scheinbar so einengenden Rahmen der schriftlich fixierten Musik möglich.

Fussnoten:

 

  1. Beiträge zur Körperarbeit mit Musikern; 1994 LAG-Musik-Verlag, Remscheid, ISBN3-9801143-6-8

  2. neben F.M.Alexander u.a. auch Heinrich Jacoby

  3. Wer kann, höre sich mal die Aufnahmen des Flötisten Philippe Gaubert an

  4. Die verbreitete Reduktion der Alexander-Technik auf die Kopf-Hals-Rumpf-Beziehung ist eine unzulässige Vereinfachung.

  5. ein wichtiger Einfluss mag seine Begegnung mit der Methode Delsartes um 1900 gewesen sein.

  6. F.M. Alexander: Der Gebrauch des Selbst (Kösel 1988) S. 21

  7. ebenda S. 20

  8. ebenda S. 33 ff.

  9. ebenda S. 35

  10. ebenda S. 37 und S. 48

  11. ebenda S. 59

  12. ebenda S. 59

  13. ebenda S. 63

  14. Ausdrucksweise des Autors

  15. ebenda S. 63

  16. »Der Gebrauch des Selbst« wurde u. a. auch geschrieben, um Plagiatoren in die Schranken zu weisen.

  17. London, ab 1932

  18. ausgehend von physiologischen Zusammenhängen. Alexander selbst hat sich gehütet, sich so einseitig physisch zu äussern; der Autor übernimmt für den Inhalt und das Risiko, von der Ganzheitlichkeit abzulenken, die alleinige Verantwortung.

  19. R. Magnus, Die Körperstellung, 1923

  20. zusammengesetzt aus Tension und Integrität

  21. fälschlicherweise meist »Verkrampfung« genannt

  22. oberflächlich gesehen sind wir und die Menschen um uns herum über- und verspannt, aber dem liegen eigentlich Unterspannung und Schlaffheit zugrunde.

  23. dieselbe Erklärungsweise kann auch auf das Funktionieren der Stimmorgane angewendet werden.

  24. Um vieles mehr als durch Vererbung oder Begabung!

  25. Die Lehrerinnen und Schülerinnen werden hier nur aus sprachlichen Gründen übergangen!

  26. Alexander sagte: »Meine Technik gründet auf der Inhibition«

  27. Der Fachterminus lautet »Direktiven«, aus dem englischen »directions«.Deutsch auch »Richtlinien«, nie aber »Richtungen (geben)«!

  28. In Alexanders Arbeitsraum hing das Shakespeare-Zitat »Bereitsein ist alles«

  29. Diesem grundsätzlichen Vorgehen entspricht, dass ich hier auf genauere Anweisungen für Haltung und Bewegung oder Atmen und Sprechen verzichte, so reizvoll dies auch wäre.

  30. nicht »Ausdruck«!